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Vom Abfall zur Kunst

Vom Abfall zur Kunst

Heute erzählen wir euch die Geschichte eines jungen Künstlers - geboren und aufgewachsen auf Boa Vista.

 

Wir treffen ihn mit seinem altmodischen, aber schönem Fahrrad direkt hinter dem Strand. Genau an der Stelle lag zuvor ein abgefallener Ast einer Kokosnusspalme. Er sah ihn morgens dort liegen und wollte ihn auf dem Heimweg einsammeln. Nun war der Ast verschwunden. Er sagt, vielleicht hat ihn jemand anderes mitgenommen. Aber dann hat er eine Idee und schaut hinter einer nicht weit entfernten Mauer nach: und da liegt er. Er packte den Ast auf sein Fahrrad und macht sich auf den engen Straßen der Stadt auf den Weg nach Hause.

 

Hier in seinem Elternhaus empfängt er uns mit einem großen Lächeln und mit einem örtlichen Sprichwort:

 "casa é piknin ma coracao é grande" - das Haus ist klein, aber das Herz ist groß. In diesem Haus hat er auch sein kleines Kunstgeschäft "Art de Mar" (Kunst aus dem Meer). Hier ist er mit seinem jüngeren Bruder bei seiner Großmutter aufgewachsen.

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Eurico unterwegs am Strand
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sein Elternhaus

Er zeigt uns ein wenig von seiner Arbeit als Kunsthandwerker, die er nun seit fast 2 Jahren betreibt. Da war er aus Europa zurück gekehrt und sah die Kunst als eine Art Berufung was er in seinem Heimatland tun konnte.

Das meiste was er für seine Kunstwerke verwendet sind Dinge, die Menschen weggeworfen haben. Wir spüren seine positive Energie und aufgeschlossene Mentalität die ihn dazu bringen, etwas wirklich Kreatives zu tun.

Der Name seines Ladens bezieht sich auf den Ort, an dem er einen Weg fand, seinen eigenen Laden zu eröffnen: das Meer. Er tauchte nach Tintenfisch und verkaufte ihn. Aber dort sammelt er auch die meisten Dinge, die er für seine Kunstwerke benötigt: Muscheln, Abfall aus dem Meer, auch tote Fische, die an Land gespült werden. Als 100% ökologisch und gleichzeitig ein Weg, die Strände zu reinigen. Er möchte mit sehr günstigen bzw. kostenlosen Materialien Kunst machen, die er zu erschwinglichen Preisen an Einheimische, aber natürlich auch an Touristen verkaufen kann. Sein kleiner Beitrag, die Welt etwas besser zu machen. Er sagt "die Kraft eines Menschen liegt in ihm selbst und wenn man etwas unbedingt erreichen möchte, dann wird das Universum auf geheimnisvolle Weise dafür sorgen" - das lässt uns schmunzeln, aber auch etwas nachdenklich werden.

 

Eurico Estrela wurde 1985 in Sal Rei geboren. Die Familie Estrela ist eine sehr große und bekannte Familie auf Boa Vista.

Das Haus in dem unser Gespräch stattfindet ist seit einigen Generationen im Familienbesitz. Er erinnert sich noch daran, wie das Haus früher aussah - mit Ziegeldach und Holzfußboden. Er spürt noch immer viel Energie in diesem Haus - sein Großvater und seine Großmutter sind hier gestorben. Da, wo jetzt sein kleiner Laden ist hatte früher seine Großmutter ihr Zimmer - er ist sozusagen ein Denkmal für seine Großmutter. Sein Großvater war ein bekannter Fischer in Sal Rei. Er glaubt sein künstlerisches Talent und sein Hang zum Meer hat er von ihm geerbt.

 

Seine Mutter verließ ihn als er noch ein kleines Kind war. Auf der Suche nach einem besseren Leben zog sie nach Italien. Insgesamt ließ sie 5 Kinder auf den Kapverden zurück - alle von einem anderen Vater. Solange sie hier für ihre Kinder sorgte, tat sie das mit ihrer ganzen Kraft. Die Kinder gingen alle zur Schule und bekamen alles, soweit seine Mutter es sich leisten konnte. Dafür ist er seiner Mutter trotzdem dankbar.

Als Erwachsener zog es ihn dann auch nach Europa. Sein Sohn sollte in der Schweiz geboren werden. Da seine Mutter zu dieser Zeit bereits die italienische Staatsbürgerschaft hatte war der einfachste Weg für ihn auch ersteinmal nach Italien zu gehen. Von dort ging es dann weiter in die Schweiz. Aufgrund der Sprachbarriere und der Probleme mit den Papieren ging er aber bald nach Italien zurück. Dann begann er seine Leben abwechselnd in Italien und auf Boa Vista zu verbringen.

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Das Leben in Europa war für ihn zunächst sehr gewöhnungsbedürftig. Man musste immer gut gekleidet sein. Außerdem lebte er dort mit einem Studentenvisum - obwohl er kein Student war.

Eines Tages fand er einen Job in Bocadasse, einem Stadtteil der italienischen Stadt Genua. Dort lebten viele Künstler, Handwerker und Fischer, auch sehr viele alte Menschen. Er hatte das Gefühl, dass ihn irgendetwas an diesen Ort gerufen hat. Er begann Freundschaften zu schließen, vorwiegend mit den alten Menschen. Stundenlang sassen sie zusammen und so wie die Italiener über seine Geschichten staunte, verwunderten ihn auch ihre Geschichten. Zwei verschiendene Kulturen lernten sich hier kennen.

 

Zunächst hatte er hier einen Job am Strand, er vermietete die Sonnenliegen und -schirme. Er war immer freundlich, lachte und half den Menschen - alle fingen an, nach ihm zu fragen. Da beschloss sein Chef ihn vom Strand weg in sein Restaurant zu holen. Sein Chef fand heraus, dass er ein Sprachtalent war: er sprach zusätzlich zu portugiesisch und italienisch auch französisch und englisch. Da er der einzige seiner Mitarbeiter war, der mehrere Sprachen beherrschte stand er schnell immer ganz vorn, wenn Touristen eintrafen. Somit konnte er viele Kontakte knüpfen, machte den Gästen immer alles recht und war so ein sehr geschätzter Arbeiter.

Aber trotzdem kam immer wieder der Gedanke, dass er nach Hause zurück kehren sollte.

 

So kam es dann auch, dass es ihn nach einer Weile wieder nach Boa Vista zog. Er arbeitete eine zeitlang hier, kehrte dann aber wieder nach Italien zu seinem alten Chef zurück.

Noch immer hatte er nur einen Studentenausweis, den er alle 2 Jahre erneuern musste. Er stellte fest, dass er immer älter wurde, aber noch nichts im Leben erreicht hatte, was ihn wirklich erfüllt. Er beschloß das es an der Zeit war eine endgültige Entscheidung zu treffen.  Und so ging er zurück nach Boa Vista.

 

Zunächst begann er hier in verschiedenen Bars und Restaurants zu arbeiten.

Aber seine Liebe zur Natur zog ihn dazu hin, etwas anderes für sich selbst zu tun. Er gab bei jedem seiner Jobs immer das Beste, hatte aber das Gefühl, dass es nie richtig geschätzt wurde. Auch dies bewog ihn zu der Entscheidung etwas Eigenes zu tun.

Also sprach er zunächst mit seiner Mutter darüber, die ihm sein altes Zuhause anbot, um dort sein Geschäft zu eröffnen. Nun könnte man denken, dass er priviligiert war, da er ja keine Miete zahlen musste. Aber das war nicht alles: er musste auch den richtigen Willen aufbringen, um sein Projekt umzusetzen.

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Eurico
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vor seinem Laden

Wie hat er das geschafft? Wie hat er seinen eigenen Laden eröffnet?
Zunächst hat er seinen Lebenstil geändert: er hörte auf zu Trinken, in Bars und auf Partys zu gehen. Er ging Tintenfisch fischen und verkaufte ihn und sparte sein Geld. Und er sah, dass er Geld sparen konnte. Die Kosten alles einzurichten waren nicht sehr hoch. Die meisten Materialien die er verwendet, sammelt er in der Natur.

Viele seiner Freunde und auch Familienmitglieder glaubten nicht daran, dass er es schaffen konnte. Aber er selbst glaubte an sich.

 

Nun - fast 2 Jahre später - ist er sehr stolz auf sich. Er ist dankbar für jeden, der an ihn glaubt und ihm direkt oder indirekt geholfen hat.

 

Er würde sich freuen, wenn mehr junge Menschen ihren Geist öffnen und über den Tellerrand hinweg schauen, neugieriger werden und versuchen, andere Kulturen kennenzulernen. Vielleicht hatte er einen Vorteil, da er das Land verlassen konnte und die Welt so aus einer anderen Perspektive sah. Eine Möglichkeit, die viele nicht haben. Aber dennoch sollten die jungen Menschen den Tag nutzen, etwas für sich selbst tun und jeden Tag mit dem Gedanken aufwachen, dass alles möglich ist, wenn sie selbst an sich glauben.


Er erinnert sich noch immer daran, wie es in dieser Stadt war, als er aufwuchs. Sie war sehr klein, wo jeder jeden beim Namen kannte. Es gab kein Schloss an den Türen der Häuser,  die Türen standen den ganzen Tag weit offen, auch wenn niemand zu Hause war. Er erinnert sich auch an die Fischfabrik und wie reichhaltig der Fisch auf der Insel war. Die großen Boote kamen mit Thunfisch beladen, um ihn in kleinere Boote zu entladen, die ihn an Land zur Fischfabrik brachten.  Manchmal war die Menge des Thunfischs so groß, dass sie nicht alles verwerten konnten, so dass einige den Thunfisch wieder ins Meer zurück werfen mussten.

Alles war sehr reichlich vorhanden:  Fisch, Hummer, Meersalz, Gemüse und das Gefühl des Vertrauens.

Der einzige Strand, zu dem die Leute damals gingen, ist der kleine Strand am Rande des Fischhafens (Praia Diante), während die anderen Strände - auch in der Nähe der Stadt - eigentlich gar nicht genutzt wurden. Sie empfanden sie als zu weit weg und zu leer. Es waren nicht viele Menschen auf der Insel. Sie gingen nur zu besonderen Anlässen, in einer großen Gruppe - vorzugsweise mit Familienmitgliedern - an den Strand. Die Natur war wirklich rein und man konnte sie wirklich ausfüllen.

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Mit vielen Veränderungen auf der Insel ist er nicht einverstanden, z.B. wie man die Salzseen verloren hat und der Untergang der Fischfabrik, den vielen Verkauf von Grundstücken. Man sollte einige der Naturwunder und Dinge, die Teil der Geschichte der Insel waren, bewahren. Es sind wertvolle Erinnerungen, die die wahre Identität der Menschen und der Kultur darstellen.

Er ist sehr stolz auf seine Herkunft und diskriminiert niemanden aufgrund seiner Rasse oder Hautfarbe oder Herkunft. Er sieht jeden als eine einzige Rasse - die menschliche Rasse.
Seiner Meinung nach ist es sehr wichtig, sich um den Planeten zu kümmern, ihm Liebe zu schenken. Speziell auch dieser Insel, die seiner Meinung nach den Einheimischen mehr am Herzen liegen sollte.

Er glaubt, dass, wenn sich das Bürgermeisterhaus mit den jungen Leuten beschäftigen und ihnen mehr Möglichkeiten bieten würde, viele Dinge erreicht werden könnten. Die Kapverdianer sind sehr kluge Menschen, die schnell lernen und sich sehr leicht anpassen können. Statt mit Bürokratie und Schwierigkeiten Barrieren zu errichten, sollten die Verantwortlichen den neuen Ideen der jungen Menschen gegenüber aufgeschlossener und offener sein und sie mit ihren Ideen unterstützen.

Die Zukunft ist schwer vorhersehbar. Er glaubt, dass die Inseln bald viel bekannter sein werden, als sie es in der Vergangenheit waren. Er würde es zu schätzen wissen, wenn der Tourismus nicht nur auf Strand und Sonne basieren würde, da das Land kulturell reich ist. Sowohl Privatpersonen als auch öffentliche Institutionen sollten zusammen arbeiten, um die künstlerische Seite des Landes zu fördern. Aber wie er sagt liegt es an jedem einzelnen von uns über den Tellerrand zu schauen, nicht an der lokalen und nationalen Regierung festzuhalten, sondern unabhängig zu werden.

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Kommentare: 2
  • #1

    Vreni (Samstag, 06 Juni 2020)

    Eine sehr schöne und interessante Geschichte. Und immer wieder ist es faszinierend, wie positiv die Kapverdianer sind. Ich würde mir diese Lebenseinstellung auch bei vielen anderen Wünschen.

  • #2

    Irene (Sonntag, 07 Juni 2020 02:31)

    Nur eine kleine Korrektur, sein Sohn lebt in der Schweiz, nicht seine Tochter. Ich bin die Mutter, daher die 100% Sicherheit :-)

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Andrea & Frank Hennicke - Sal Rei - Ilha da Boa Vista - Cabo Verde