Alcides Morais – 100% Made in Boavista

Alcides Morais – 100% Made in Boavista

Heute nehmen wir euch mit nach Rabil, die frühere Hauptstadt von Boa Vista. Hier befindet sich auch der internationale Flughafen "Aristides Pereira" - in Gedenken an den ersten kapverdischen Präsidenten nach der Unabhängigkeit 1975. Er wurde im Nord-Osten der Insel in der Ortschaft Fundo das Figueiras geboren und war Präsident bis 1991, als es die ersten freien Wahlen mit verschiendenen Parteien gab. Bis dahin waren die Kapverden ein sozialistisch geführtes Land.

 

Aber wir sind heute nicht wegen dem Flughafen oder dem ehemaligen Präsidenten in Rabil. Es geht um ein  Kunsthandwerk, dessen Geschichte auf Boa Vista bereits mit der Ankunft der ersten Sklaven begann. Der Künstler den wir heute besuchen ist nicht nur auf Boa Vista, sondern auch auf den anderen kapverdischen Inseln bekannt. Ganz sicher werden viele von euch beim Lesen feststellen, dass auch bei euch zu Hause das eine oder andere Kunstwerk von ihm Einzug gehalten hat.

 

Wir treffen ihn in einem sehr alten Haus an der Hauptstraße von Rabil. Er restauriert es gerade, um sein eigenes Atelier und seinen eigenen Shop einzurichten. Seine Kunstwerke werden aus Ton hergestellt und so erzählt er uns, dass auch einige Gegenstände in seinem Haus von ihm selbst gefertigt werden, wie z.B. die Toilette oder Fliesen.  Im Hinterhof des Hauses wird er auch 2 Gasöfen installieren. Da es sich um ein sehr traditionelles Haus handelt ist er der Meinung, dass es sich wunderbar eignet um sowohl Touristen, als auch Einheimischen sein Handwerk zu zeigen. Während wir mit ihm sprechen spüren wir seine Freude und Leidenschaft zum Leben und das Glück, welches er bei seiner täglichen Arbeit verspürt.

 

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Alcides Ramos Morais - besser bekannt als "Tchida" - wurde 1979 in Sao Vicente geboren. Seine(verheirateten) Eltern stammen aus Rabil und sind nach Sao Vicente gezogen, da sein Vater dort für die Firma Shell arbeitete. Bis zu seinem 16. Lebensjahr lebte und studierte er dort. Dann ging sein Vater in den Ruhestand und die Familie entschied sich, nach Boa Vista zurück zu kehren. Sein Vater starb bereits 2002. Seine Mutter ist heute 84 Jahre alt, aber er fügt mit einem Lächeln hinzu, dass sie immer noch jung und fit ist. Er wollte damals das Studium auf Boa Vista fortsetzen, aber es funktionierte nicht.  Er begann zu arbeiten und somit war für die Schule keine Zeit mehr.


Auf unsere Frage hin, wie es dazu kam, dass er Künstler wurde, erzählt er, dass es im Prinzip in seinen Genen lag. Seine Großmutter, seine Tanten, seine Mutter - alle haben sie dieses Handwerk ausgeführt. Sie töpferten Dinge, die man damals nicht unbedingt als Kunst bezeichnet hat, denn es waren Alltagsgegenstände wie Tassen, Krüge, Schüsseln ....

 

Um die getrockneten Gegenstände zu brennen benutzten sie Eselkot. Wir fragen ihn, warum Eselkot dazu verwendet wurde? Weil es so viel davon gibt? Daraufhin erzählt er, dass es früher gar nicht viel davon gab, denn jeder der Holzkohle oder Kalk herstellen wollte sammelte den Kot. Es wäre einfach eine kostenlose Ressource gewesen, noch dazu entwickelte der Kot mehr Hitze, als z.B. Kohle, die man für teures Geld hätte kaufen müssen. Heutzutage finden wir überall den Eselkot, denn die Esel auf Boa Vista führen ein freies, wildes Leben und pflanzen sich auch munter fort. Früher gab es keine wilden Esel - jeder Esel gehörte jemanden, denn sie wurden als Lastentiere eingesetzt. 

 

Kurz nach seinem Umzug nach Boa Vista begann er bereits in der örtlichen Töpferschule zu arbeiten. Der Gründer und  Besitzer Sr. Tony war sein Mentor. Er ging gern dorthin, denn die Menschen waren nett zu ihm  und er fand die Arbeit dort interessant. Während er dort bereits lernte gab es ein Projekt der Camera Municipal de Boa Vista im Rahmen dessen einige junge Menschen das Töpferhandwerk erlernen sollten. Die Auswahl der Schüler lag in der Hand von Sr. Tony und so zählte auch er zur Auswahl zusammen mit drei anderen Schülern. Sie bekamen damals 3.000 Escudos (ca. 28 €) dafür bezahlt. Nachdem das Projekt beendet war erkannte Sr.Tony seine Begabung und  gab ihm die Chance zunächst als Praktikant bei ihm zu bleiben und je nach seinen Leistungen bezahlt zu werden. Seitdem geht er dieser Beschäftigung für seinen Lebensunterhalt nach.

Während der portugiesischen Herrschaft wurden an diesem Ort Dachziegel hergestellt. Irgendwann wurde dieses Geschäft aufgegeben und die Werkstatt begann zu zerfallen. Sr. Tony hatte dann die Idee hier die ersten Souvenire für Touristen zu produzieren. Natürlich gab es damals noch keinen Massentourismus. Es gab ein kleines Flughafenterminal nur für den nationalen Flugverkehr.  Dieses befand sich direkt neben dem Kontrollturm. Es kamen nur wenige Touristen, meistens von der Insel Sal, vorwiegend italienische Touristen.

Ein guter Freund von Sr. Tony, der eigentlich Komponist und Musiker ist und recht bekannt war - Sr. Kaka de Mana Lorença - ging immer wenn ein Flugzeug ankam mit einigen der Souvenire zum Flughafen und versuchte sie zu verkaufen.

 

Die Inspiration für seine Kunstwerke nimmt er größtenteils aus dem Ozean. Er liebt es an den felsigen Ufern zu fischen und Dinge die er dort sieht beginnt er sich als Kunstwerk vorzustellen. Wenn er dann zu Hause angekommen ist, sind die Hände schmutzig und ein neues Kunstwerk ist geboren.

Einige von euch, die erst kürzlich auf Boa Vista waren und die Beachbar "Pérola d'Chaves" besucht haben, werden eines seiner jüngsten Kunstwerke sicher bestaunt haben: eine menschengroße Statue von einem Fischer. Diese besteht nicht komplett aus Ton. Um bei so großen Projekten die Festigkeit und Haltbarkeit sicher zu stellen, muss er teilweise auch etwas Zement verarbeiten. Die Statue ist eine Hommage an alle Fischer von Boa Vista.

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Jedes mal wenn er genervt und gestreßt ist, schnappt er sich seine Angelrute und geht fischen. Zurück kommt er dann mit jeder Menge Ideen und Inspriration und natürlich frischem Fisch.

Seine Mutter hatte großen Einfluß auf seine Entwicklung als Töpfer, denn er hat ihr viel bei der Arbeit zugesehen. Er hat an vielen Workshops teilgenommen, die von der portugiesischen Gemeinde Torres Vedras in Zusammenarbeit mit der Statdtverwaltung von Boa Vista organisiert wurden. So lernte er von portugiesischen Handwerkern den Umgang mit Glas- und Fototon. Er nutzt die neuen Techniken und kombiniert sie mit den Altbewährten, um so etwas Neues zu schaffen mit seiner eigenen Kreativität. Auch wenn er bereits viele Jahre Erfahrung in seinem Job hatte, empfand er den 5-monatigen Workshop als sehr wertvoll.

 

Wir fragen ihn, wie viele Ausstellungen mit seinen Werken er schon gemacht hat. Mit einem Grinsen im Gesicht erzählt er, dass er es gar nicht mehr zählen kann. Stolz berichtet er von Ausstellungen auf den Inseln Santiago, Sao Vicente und Sal.

Eine besondere Erfahrung war für ihn, als er vor einigen Jahren nach Italien eingeladen wurde. Es gab dort eine 1-wöchige Kulturmesse, zu der er mit einigen Musikern von Boa Vista gereist ist. Er knüpfte dort tolle Kontakte und tauschte Ideen und Erfahrungen mit anderen Töpfermeistern aus.

 

Überraschend erzählt er uns jetzt auch, dass er nicht nur Hanwerker, sondern auch Schauspieler ist. Er vertritt die örtliche Theatergruppe Nova Casa, die bereits 6 mal zum internationalen Theaterfestival "Mindelact" eingeladen wurde. Dieses findet jedes Jahr den gesamten März in Mindelo (Sao Vicente) statt. Sie sind auch schon auf den Inseln Sal und Santiago und auch in Angola aufgetreten. In letzter Zeit waren sie nicht mehr so aktiv, aber sie nehmen immer noch an den religiösen Festspielen auf der Insel teil. Es ist eine Art Straßenschauspiel, bei dem sie die traditionellen Trommeln spielen und die Umstehenden unterhalten. Er erzählt, dass die Mitglieder älter werden, Dinge sich ändern und sie andere Prioritäten in ihrem Leben setzen.

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Auf unsere Frage, welches seiner Stücke für ihn wirklich herausragend ist, sagt er viele, wenn nicht sogar jedes Einzelne, vom Kleinsten bis zum Größten. Dann zeigt er uns sein neustes Kunstwerk: einen Piraten und einen Esel in Originalgröße. Vor allem der Esel sieht tatsächlich sehr lebendig aus.  Im Moment arbeitet er noch an 2 Ziegen, die sich dem Piraten und seinem Esel anschließen sollen.

 

Er erzählt uns, dass er seine Arbeit nicht nur wegen dem Geld macht, sondern weil er sie wirklich liebt. Aber das Geld ist das Sahnehäubchen oben drauf.


Um für seine Arbeit zu werben hat er eine Facebook-Seite erstellt: Laboratorio de Alcides Morais - 100% Made in Boa Vista. Vor kurzem hat er sogar mit dem E-Commerce begonnen und hat schon einige seiner Arbeiten in die USA verschickt.

 

Seiner Meinung nach hat der Tourismus die Insel sehr verändert, besonders mit dem Start der großen Resorts und Tourismuskonzerne. Als der Tourismus hier begann, gab es  nur 3 oder 4 kleine Hotels, so dass die Einheimischen wirklich davon profitieren konnten. Es gab wenige Touristen, aber es war gut für die Einheimischen, weil jeder ein Stück des Kuchens abbekommen konnte. Mit dem neuen Tourismus bekommen die Einheimischen nur noch die Krümel. Nur die großen Tourismuskonzerne profitieren, da sie über Logistik und Infrastrukturen verfügen, die die Einheimischen nicht haben.

 

In diesem Jahr wurde eines seiner Kunstwerke für den Rabiler Karnevalwagen ausgesucht und Rabil hat damit den Titel des schönsten Wagens gewonnen. Darauf ist er sehr stolz.

 

Alles was er braucht, bekommt er von der Natur.

Er ist der Stadtverwaltung sehr dankbar, dass sie ihm immer wieder Möglichkeiten und Unterstützung gegeben haben, um seine Arbeit weiter zu fördern.

Er ist überzeugt, dass er noch viele Möglichkeiten zur Ausstellung seiner Kunstwerke bekommen wird.

 

Tchida erzählt uns, dass er zwar verheiratet ist, aber noch keine Kinder hat  - eine sehr seltene Konstellation auf den Kapverden.  Er fügt lachend hinzu, dass er das Leben immer noch genießt. Natürlich liebt er Kinder, aber mit Kindern ist es nicht so stressfrei. Er meint, alles kommt zu seiner Zeit.

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Interview: Misael

Text: Andrea

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Kommentare: 2
  • #1

    Marion (Mittwoch, 24 Juni 2020 12:08)

    Ich bin begeistert und wünsche dem Künstler viel Erfolg mit seinen Werken. Sie sind wirklich wunderschön.

  • #2

    Ena (Mittwoch, 24 Juni 2020 17:28)

    Mal wieder eine tolle Geschichte. Und jedes Mal bekommt man schöne Einblicke in das Leben der Menschen. Ich liebe euren Blog und freue mich schon auf den nächsten Artikel.

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