Cabo Santa Maria - "Brot von Gott" für Boa Vista

Cabo Santa Maria - "Brot von Gott" für Boa Vista

Für die Schiffseigner war es das schlechte Wetter. Für die Versicherungsgesellschaft war es menschliches Versagen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später ist immer noch unbekannt, was genau an Bord in dieser stürmischen Nacht geschah.

Bei Sonnenaufgang am Sonntag, dem 1. September, konnten es die wenigen Einwohner von Boavista nicht glauben: ein riesiges Schiff lag imposant am Ufer des Strandes von Atalanta.


Für die Besatzung und den Schiffseigner war es der Beginn eines langen Albtraums.

Aber für die Menschen an Land erschien diese Vision damals wie ein Traum. Sie waren daran gewöhnt, die großen Frachtschiffe nah an der Küste vorbeifahren zu sehen, die auf den südamerikanischen Kontinent zusteuerten, jetzt war es direkt vor ihren Augen. Direkt vor dem Strand.

So nah, dass die Buchstaben LINEAS YBARRA auf dem halben Rumpf wie Riesen aussahen und der Name CABO SANTA MARIA, dort auf der Bugnadel, wie ein riesiges Schild aussah.

Den Leuten gefiel es, der Name blieb.


Das Frachtschiff, das von dem erfahrenen Biscain Fernando de Solis geführt wurde, hatte 38 Besatzungsmitglieder, beförderte 5 Passagiere, verschiedene Nahrungsmittel und Maschinen.

Es verließ Genua in Richtung Buenos Aires und lief mehrere Häfen im Mittelmeer sowie die Kanarischen Inseln an. Ein voraussichtlicher Zwischenstopp war im Hafen von Santos, Brasilien, vorgesehen, wo der Großteil der Ladung aufgenommen werden sollte.


Ein imposantes Schiff: die Cabo Santa Maria (CSM) war ein modernes Schiff mit etwa 130 Metern und fast 5.000 Tonnen. Ausgestattet mit fortschrittlicher elektronischer Navigation verfügte es über eine sehr erfahrene Besatzung auf der Mittelmeer-Südamerika-Route.

Es wurde 1957 in den großen Werften von Cartagena von der "Empresa Nacional Bazán de Construcciones Navales" gebaut und war ein schnelles, sehr manövrierfähiges Frachtschiff, das leicht 17 Knoten erreichte.

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September 1968

Der Unfall

Beim Verlassen Teneriffas begann sich das Meer zu verändern und wurde zu einem Tropensturm, als die CSM in kapverdische Gewässer eindrang. Die Windböen aus dem Nordosten wurden zyklonisch und brachten hohe Wellen mit sich, die durch intensive Strömungen noch verstärkt wurden. Eine stürmische Augustnacht, aber nichts, was der mächtige Frachter nicht schon erlebt hatte.


Alle elektronischen Navigations- und Antriebssysteme des Schiffes waren einsatzbereit, ohne Unfälle an Bord (mit Ausnahme des Sturzes von 4 großen Glocken, die in Küstennähe ins Meer fielen).

Das Schiff lief auf einer Sandbank in Strandnähe auf Grund, ohne Bruch oder strukturelle Schäden. Daher ging man davon aus, dass es keinen technischen Ursprung für diesen Unfall gab. So bleibt die Vermutung, dass es menschliches Versagen war.


Der Grund für den Unfall wurde nie enthüllt. Aber die Möglichkeit von Unaufmerksamkeit, Schlaf oder Trunkenheit des Navigators sind wahrscheinliche Hypothesen. Es wurde sogar angenommen, dass es auf der Kommandobrücke zu einem gewaltsamen Konflikt gekommen wäre, aber es wurde nie bewiesen.


Kapitän Solis setzte ein SOS über Funk ab und versuchte ein Notfallmanöver mit dem leistungsstarken Sulzer-Diesel, aber es war zu spät.

Die Rettung

Die Besatzung des Schiffes war nie in Gefahr.

 

Auf das SOS im Morgengrauen reagierte sofort der Schlepper "Damão" und fuhr von Mindelo nach Boa Vista.

Aber es nutzte wenig, weil der "Damão" ein Festmacherschlepper war und keine Kraft hatte, den großen Frachter zu retten.

 

Angelockt von der Möglichkeit, das Schiff in offene Gewässer zu bekommen, kam der Hochseeschlepper "Seefalke", unter deutscher Flagge zur Hilfe. Obwohl er mit leistungsfähigen technischen Mitteln ausgerüstet war und mehrere Schleppmanöver versucht hatte, gab er am Ende einer Woche auf.


Der Schiffseigner heuerte daraufhin den niederländischen Hochseeschlepper "Jacob Van H". an. Doch im Laufe der Zeit und nach mehreren ergebnislosen Manövern half auch die größere Kraft nicht weiter.

 

Der Sand der Boa Esperança (Gute Hoffnung) war stärker. Mit jedem Tag der verging wurde klarer, dass die "Cabo Santa Maria" zum Bleiben verurteilt war.

Während der fast 5 Wochen intensiver Versuche, die CSM in tiefes Wasser zu ziehen, lebte die Besatzung an Bord in der Hoffnung, dass das Schiff wieder auf offene See zurückkehren würde.

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ca. Ende des 20. Jahrhunderts

Brot von Gott

Bereits am 18. September berichtete die Tageszeitung "La Vanguardia Española", dass es "kaum eine Chance gab, die Santa Maria zu retten".

Ende des Monats beschloss der Schiffseigner, die 1.720 Tonnen Ladung zu löschen und plante, sie im Hafen von Sal Rei auf ein anderes Schiff umzuladen.

Doch die mechanischen Mittel zum Entladen waren sehr begrenzt, und es gab keine Straße, um die gesamte Ladung in die Stadt zu transportieren.


Dann begann eine manuelle Entladebewegung, die einer täglichen Prozession glich. Die Rettung der Ladung mobilisierte fast die gesamte Bevölkerung von Boa Vista und auch viele zivile Einsatzkräfte und Arbeiter von den übrigen Inseln.


Das Franco-Regime bat Salazar (portugiesische Regierung) um seine Mitarbeit, um die spanischen Waren sicher zu stellen. Da es die Strandung nie als Schiffbruch betrachtete (weshalb die Besatzung die ganze Zeit auf dem Schiff blieb) gehörte die Ladung offiziell weiter dem Franco-Regime. Im Falle eines "Schiffsbruchs" wäre die Ladung Eigentum von Boa Vista .

 

Lissabon befahl dem Kommandanten der kapverdischen Häfen (Kommandant Limpo Serra) sich an den Unglücksort zu begeben um Ordnung zu schaffen. Um die Situation unter Kontrolle zu bringen wurde die Anzahl der beteiligten zivilen Einstzkräfte nochmals erhöht.


Fast ein Jahr lang arbeiteten Tiere und Menschen an der Entladung der Cabo Santa Maria.

Es gab Arbeitsplätze für alle. Die Bewegung von Menschen und Lasttieren zwischen dem Strand und dem Dorf Sal Rei war intensiv.

Männer, Frauen und sogar Kinder mischten sich unter den Trubel.

 

Und wenn die wertvollsten Teile der Ladung wie Düngemittel, Maschinen und Chemikalien in Hafennähe gesichert waren, landeten die spanischen Oliven, das Olivenöl, die Melonen, der Wein aus Jerez und das Mehl auf den Tischen der Einwohner von Boa Vista, ein "Brot von Gott" in Zeiten des Hungers auf der Insel.

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September 2013

Das Glockenspiel der Kathedrale von Brasilia

Es gibt Hinweise darauf, dass die CSM Geschenke der Regierung von Francisco Franco für diejenigen an Bord hatte, die Spanien in der sich abzeichnenden Wirtschaftskrise unterstützten.

 

Von Nahrungsmitteln bis hin zu Arzneimitteln, Maschinen, Kleidung, Geschirr und Getränken gab es von allem etwas. Sogar Waffen und Sportwagen.

 

Aber die am meisten erwartete Bestellung am Zielort war die "Ofrenda de los enspañoles residentes de Brasil, en testimonio de su amor a esta generosa tierra y la hospitalalidad de sus gentes...": in Geschenk der spanischen Einwohner Brasiliens, als Zeugnis ihrer Liebe für dieses großzügige Land und die Gastfreundschaft seiner Menschen.

Ein Glockenspiel mit vier riesigen Glocken, das für die nagelneue Kathedrale von Brasilia bestimmt war.

In den Glocken waren die Namen Santa Maria, Pinta, Nina und Pilarica eingraviert, eine Hommage an die beiden Karavellen und das Schiff, mit dem Christoph Kolumbus den Seeweg nach Amerika öffnete.

Die vierte Glocke war eine Hommage an Senhora do Pilar.


Der Verlust der Glocken führte dazu, dass die Kathedrale "Nossa Senhora Aparecida" - die Kathedrale von Brasilia - 1970 mit leerem Glockenturm eingeweiht wurde.

Sieben Jahre vergingen, bis andere Glocken in dem 20 Meter hohen Turm erklangen, um sich in der brasilianischen Hauptstadt Gehör zu verschaffen.


Was die schweren Glocken betrifft, die in den Gewässern von Boavista ins Meer fielen: sie wurden drei Jahre später geborgen.

Natürlich war es zu spät für die Einweihungfeier der Stadt von Oscar Niemeyer. Deshalb kehrten sie zu ihrem spanischen Ursprung zurück. In dieselbe Schmiede  von Perea (Viuda de Angel in Miranda de Ebro) in Nordspanien. Nachdem sie wieder aufbereitet waren überquerten sie erneut den Atlantik, aber nun ohne die Ehre eine Kathedrale zu vervollständigen. Sie wurden verteilt auf die  kleinen Kirchen von Veracruz (Brasilien).

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November 2019

Ein Symbol von Boa Vista

Die Trümmer der Cabo Santa Maria wurden zum Symbol von Boavista und Kap Verde. Als Quelle der Inspiration für Maler und Fotografen illustrierten sie oft Postkarten, Bücher und Zeitschriften. Ein Besuch des "Praia do Santa Maria" ist ein MUSS auf der Düneninsel.

Heute ist wenig übrig bis zum totalen Zusammenbruch der Struktur des großen Schiffes.

Vom Rost zerfressen, von den Wellen geschüttelt, den Stürmen trotzend ....

Cabo Santa Maria sieht aus wie das Skelett eines majestätischen Tieres, das seine Reise noch nicht beendet hat.

 

Der Unfall war ein großes Geschenk des Meeres, da er in Zeiten des Hungers die Menschen von Boa Vista eine Weile ernährt hat.

Gleichzeitig her er die Kapverden mit Spanien und Brasilien zusammengeführt.

Das Schiffsunglück der Santa Maria stärkte den atlantischen Wert dieser Inseln in der Weltgeschichte und fügte eine weitere Verbindung mit den umgebenden Kontinenten hinzu.


Praia da Boa Esperança, im Nordosten von Boavista, hieß seit 1916 Praia de Atalanta.

Damals sank dort das skandinavische Dreimastsegelboot "Atalanta" in einer der Untiefen, die den Charakter an dieser Küste ausmachen. Der Schiffbruch ereignete sich am Heiligabend, mitten in einer Party an Bord. Die Atalanta hatte einen eisernen Rumpf und war 62 Meter lang. Sie kam von Aalborg, Dänemark, nach Santos, Brasilien, beladen mit Schienen und Zement von insgesamt 1.450 Tonnen.


Ab September 1968, als der spanische Frachter "Cabo de Santa Maria" auf Grund lief, wurde der Strand von Atalanta im Volksmund als Praia de Cabo de Santa Maria bekannt.


Quelle: https://anacao.cv/cabo-santa-maria-deu-costa-pao-deus-na-boavista/

Übersetzung und Text: Misael und Andrea

 

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