Ein Haushalt - Vier Generationen

Ein Haushalt - Vier Generationen

Urlaub auf Boa Vista - das bedeutet für die meisten Strand, Sonne, 5-Sterne-All-Inklusive-Hotel. Manche mieten sich eine Ferienwohnung, um freier zu sein. Aber ihr solltet nicht nur nach Boa Vista kommen, um Energie zu tanken. Geht hinaus und versucht mit den Menschen zu reden, mit ihnen zu essen und zu tanzen. Genießt kulturelle Abende in der Stadt. Genehmigt euch ein paar Gläser "Vitamina" - den kapverdischen Grog - mit den Einheimischen. So ein Abend endet meistens leicht betrunken - schafft aber unvergessliche Erinnerungen, die für immer bleiben.

 

Wir sind heute wieder in Rabil unterwegs. Laufen Richtung der Kirche St. Roque, die 1806 erbaut und 1851 einmal restauriert wurde. 2015 während des Hurricans "Fred" gingen einige Dachziegel verloren. Irgendwann wurde das Dach repariert. Insgesamt ist sie in einem ziemlich verwahrlosten Zustand und sieht tatsächlich sehr verlassen aus. Einmal die Woche  - immer am Sonntag abend - findet hier aber trotzdem noch ein Gottesdienst statt.

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die Kirche in Rabil - leider in sehr schlechtem Zustand

Vor der Kirche gibt es einen kleinen Platz, hier sieht man oft ein paar Kinder spielen. Rundherum um diesen Platz findet man noch eine Reihe sehr alter Häuser, die meisten noch im sehr alten Stil gebaut.

In einem dieser Häuser - es befindet sich in direkter Nähe der Kirche - treffen wir Sra. Djetas. Fast jeden Nachmittag, wenn das Wetter gut ist, sitzt sie im Schatten vor ihrem Haus. Nicht allein - meistens in Begleitung ihrer Tochter, ihrer drei Enkeltöchter und ihrer 2 Urenkel. Ja ihr lest richtig - vier Generationen die zusammen unter einem Dach leben.

 

Tatsächlich war Sra. Djetas die erste Kapverdianerin hier auf Boa Vista mit der wir nach unserem Umzug nach Boa Vista in Kontakt kamen. Wir wohnten in einem Haus in der Nähe der Kirche und um nach Hause zu kommen, passierten wir immer ihr Haus. Niemals kamen wir an ihrem Haus vorbei ohne zu grüßen und selbstverständlich grüßte sie auch immer sehr herzlich zurück. Bei unseren ersten "Gesprächen" verstanden wir nicht viel, aber ihre Herzlichkeit und ihre guten Wünsche für unsere Zukunft waren auch für uns sehr einfach zu verstehen.

 

Ihr richtiger Name ist eigentlich Luizete, aber hier ist es üblich, dass sich die Menschen gern einen anderen Namen geben, weil er ihnen einfach besser gefällt :-). Sie wurde 1945 in Rabil in einem Haus in der Nähe der Töpferschule geboren und wuchs auch hier auf. Sie lebt zusammen mit ihrer einzigen Tochter Luisa, die wiederum selbst drei Töchter hat, von denen zwei auch bereits ein Kind haben - das Jüngste ist erst wenige Monate alt. Diejenigen von euch, die Stammgäste im RIU Touareg sind kennen Luisa bestimmt - sie arbeitet schon einige Jahre dort im Service.

 

Sra. Djetas kann weder lesen noch schreiben. Zwar wurde sie als Kind zur Schule geschickt, aber dieses Thema weckt keine guten Erinnerungen bei ihr. Ihre Mitschüler erbaten von ihr Geschenke, ihre Familie war jedoch sehr arm und sie konnte die Wünsche somit nicht erfüllen. Ihre Mitschüler beschwerten sich bei der Lehrerin über irgendwelche Nichtigkeiten und so kam es, dass sie fast täglich von der Lehrerin bestraft wurde - heute nennt man das "Mobbing".  Sie musste auf den Knien auf einem Stein vor der Schule hocken. In der Nähe der Schule gab es eine Dame, die die Lehrerin manchmal überzeugen konnte, das Mädchen doch gehen zu lassen. 

Die Kinder wurden in der Schule auch mit Stöcken geschlagen, manchmal bis sie bluteten. Immer, wenn die Oberin zur Kontrolle in die Schule kam, versteckte die Lehrerin die Stöcke außerhalb des Klassenzimmers. Eines Tages bei so einer Kontrolle warfen Sra. Djetas und ihr Cousin die Stöcke durch das offene Fenster ins Klassenzimmer. Auf Nachfrage der Oberin, ob sie damit geschlagen werden, anworteten sie wahrheitsgemäß mit "ja". Natürlich gab es ein ernstes Gespräch zwischen der Oberin und der Lehrerin. Aber sobald sie verschwunden war, folgte die Strafe für die beiden Kinder auf den Fuß. Eines Tages erfuhr ihr Vater von der schlechten Behandlung seiner Tochter und stellte die Lehrerin zur Rede. Allerdings führte das zu dem Ergebnis, dass es noch unerträglicher für sie in der Schule wurde. Sie hätte sehr gern etwas gelernt, aber nach einer Weile entschied ihr Vater, dass sie nicht mehr zur Schule gehen soll.

Die Schulzeit hat tiefe Wunde in ihrer Seele hinterlassen, die sehr lange Zeit brauchten, um zu verheilen.

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Frank mit Sra. Djetas und ihrer Tochter Luisa

So begann sie also ziemlich früh in ihrer Kindheit bereits zu arbeiten. Jeden morgen stand sie um 6 Uhr auf und erledigte alle Arbeiten im Haus. Dann begann sie auf Nachfrage von Dorfbewohnern für eine geringe Bezahlung ihre Wäsche zu waschen. Übrigens wäscht sie noch heute für die Familie alles mit der Hand auf einem Waschbrett in einer großen Schüssel neben ihrem Haus.

 

Das gesamte Geld was sie damals verdiente gab sie bis zu  ihrem 36. Lebensjahr direkt an ihre Mutter weiter. Dann starb ihre Mutter - gerade eine Woche nach der Geburt ihrer eigenen Tochter. Nun musste sie lernen, selbst mit dem Geld umzugehen das sie verdiente, denn bis dahin hat sich ihre Mutter darum gekümmert.

 

Sra. Djetas hat unter anderem im Hafen von Sal Rei bei der Be- und Entladung der Schiffe gearbeitet. Ein sehr harter Job, gerade für eine Frau und ihrer Mutter war dies nie recht. Aber sie brauchten das Geld zum Überleben. Es gab einen Tag auf der Arbeit wo sie so krank war, dass ihr Mutter sie abholen musste. Sie ging nach Haus, duschte sich, ruhte sich aus und am nächsten Tag ging sie unter Protest ihrer Mutter wieder zur Arbeit.

 

Im Alter von 20 Jahren war sie eine Zeit lang auf der Insel Fogo und arbeitete dort für einen Cousin ihrer Mutter.

Es verschlug sie auch auf die Insel Santiago, wo sie für ihren Onkel arbeitete. Später ging sie mit einem Freund nach Sal. Die Beziehung hielt allerdings nicht und so kam sie wieder zurück nach Boa Vista.

 

Sie sagt, dass sie sich nicht mehr an so viele Details erinnert - ihr Geist sei nicht mehr so frisch wie früher. Aber sie weiß noch, dass sie eine Zeit lang mit ihrem Bruder zusammen an einem Kalkofen Kalk gebrannt hat.

Auch in der  heutigen Töpferschule hat sie mal bei der Dachziegel-und Fliesenproduktion gearbeitet.

Es war ein sehr harter Job, sie hatte fast täglich Schmerzen im Arm. Heute hat sie große Probleme mit ihren Knien, die wahrscheinlich auch von dieser Arbeit her zeugen, denn sie musste fast den ganzen Tag mit den Füßen im Wasser stehen. Auch am Bau des ersten Flughafens war sie mit beteiligt.

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Sra. Djetas mit ihrer Tochter (rechts), drei Enkeltöchtern und den zwei Urenkeln

Ihr erinnert euch sicher noch an unseren Blog über das Schiffswrack Cabo Santa Maria? Auch Sra. Djetas gehörte zu denjenigen die halfen, das Schiff zu entladen. Sie erinnert sich, dass sie Wassermelonen die zur Fracht des Schiffes gehörten geschenkt bekamen, aber sie durften sie nicht während der Arbeitszeit essen. Eines Tages war sie allerdings so durstig und hatte nichts zu trinken mehr bei sich, also fragte sie einen der Wachmänner ob sie außnahmsweise eine Melone essen dürfte. Er erlaubte es ihr, sagte aber, dass sie sich nicht erwischen lassen soll von einem der Bosse. Nun sie wurde erwischt, bekam aber zum Glück trotzdem keinen Ärger.

 

Auch am Bau der Straßen zwischen Sal Rei und Rabil und später zwischen Rabil und Norte (die heutige "Route 66") war sie beteiligt. Sie erinnert sich nicht mehr genau an den Zeitpunkt des Straßenbaus, es muss aber in den 70er Jahren gewesen sein. Damals waren die Männer dafür verantwortlich die Steine zu setzen, die Frauen mussten die Steine zu den Männern bringen, manchmal über eine ziemlich lange Strecke. Sie erzählt, dass sie an fast jeder Straße beteiligt war, die damals gebaut wurden. Der Straßenbau hat Jahrzehnte lang gedauert.

 

Wir fragen sie, ob sie sich auch noch an die Ziegelfabrik am Praia de Chaves erinnern kann - viele von euch kennen den markanten Schornstein. Aber sie sagt, als sie die Fabrik das erste mal sah, war sie bereits geschlossen.

Da die Geschichte Boa Vista's nirgends nieder geschrieben ist, müssen wir weiter suchen nach jemandem, der noch etwas über diese Ziegelfabrik erzählen kann.

 

Sra. Djetas führte ein schweres Leben. Trotzdem hat sie ihre Herzlichkeit nie verloren. Heute treffen wir sie nicht mehr so häufig, da sich unser Lebensmittelpunkt nach Sal  Rei verschoben hat. Aber wenn wir uns dann mal wieder sehen, ist die Freude auch auf ihrer Seite so groß, dass es uns jedes mal am Herzen rührt.

 

Wir wünschen ihr noch viele schöne Jahre mit ihrer großen Familie, die sie heute umsorgt. Übrigens hat sie ihre freundliche und respektvolle Art an ihre Tochter und Enkelkinder weitergegeben. Etwas, was heute in vielen Familien leider fehlt - überall auf der Welt.

 

 

Interview: Frank und Misael

Text: Andrea

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Kommentare: 1
  • #1

    Gabi (Sonntag, 28 Juni 2020 03:08)

    Eine wunderschöne Geschichte.....es ist wichtig das aus demLeben der Menschen erzählt wird,damit es nicht in Vergessenheit gerät.Ich War bis jetzt 2mal auf der Insel und habe durch Frank schon sehr viel von Land und Menschen erfahren.Ich wünsche den Menschen auf Boa Vista alles Gute und das sie die Krise gut überstehen.Ich freue mich bald wieder zu kommen...
    Es ist das Paradies�

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Andrea & Frank Hennicke - Sal Rei - Ilha da Boa Vista - Cabo Verde