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Senhor Zezinho - ein Blick auf sein Leben

Senhor Zezinho - ein Blick auf sein Leben

Es ist später Nachmittag, eigentlich fast Sonnenuntergang. Nach einem kurzen Strandspaziergang in Richtung Zentrum überqueren wir den Hauptplatz und befinden uns vor der Kirche Santa Isabel in der Mitte des Dorfes, der heutigen Stadt Sal Rei.

 

Gleich hinter der Kirche finden wir das Haus von Senhor Zezinho.

Als wir ihn treffen denkt einer von uns, dass er ihn schon mal irgendwo gesehen habe. Sr. Zezinho sagt, dass er selten raus geht und wenn, dann nicht sehr weit. Und dann kommt die Erinnerung:

 

Es war an einem Abend in der Bar „Grill Sirocco“ – diese befindet sich direkt vor dem Haus von Sr. Zezinho. An diesem Tag gab es dort kapverdische Live-Musik. Nach einer Weile fiel ihm dann dieser einzelne Mann auf: er saß vor seinem Haus mit einer Cavaquinho (Ukelele) in seinen Händen. Natürlich war nicht zu hören was er spielte, aber anhand seiner Bewegungen (Kopf, Füße und seine Finger auf dem Instrument) war zu erahnen, dass er mit der Band mitspielte.

 

Heute empfängt Sr. Zezinho uns in seinem bescheidenen, einfachen Zuhause und begrüßt uns mit einer Morna auf seiner Cavaquinho.

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Sr. Zezinho vor seinem Haus

Er wurde 1938 in Santo Antao geboren und wuchs inmitten vieler Schwierigkeiten auf. Eine der größten war sicherlich die Hungerkrise 1947 in der mehr als 20.000 Menschen auf den Kapverden starben, nicht nur durch den Hunger selbst, sondern sie verdursteten auch. Es hatte viele Jahre nicht geregnet und während des Krieges wurden die Inseln von der Metropole Portugal vergessen und kaum noch versorgt. Es gab kein Trinkwasser, keine Medizin oder medizinische Versorgung und das portugiesische Regime überließ die Einheimischen dem Tod.

 

Zum Glück für die Menschen auf der Insel Santo Antao geschah inmitten des Hungers folgendes: ein US-Handelsschiff namens „John Schmeltzer“, dass sich auf dem Weg von Porto do Rosario in Argentinien zum Hafen von Göteborg in Schweden befand, strandete am 25. November 1947 im Süden der Insel . Die "John", wie sie auf der ganzen Insel genannt wurde, war mit mehr als 7 Tonnen beladen, von denen 90% Lebensmittel, hauptsächlich Mais, waren. Von überall auf der Insel kamen die Menschen an diesen Ort namens Canjana um sich mit diesen Lebensmitteln zu versorgen.

Aber die „John“ brachte auch Verwüstung: es sind noch viel mehr Menschen gestorben da sie den verfaulten Mais gegessen haben, der durch das Meerwasser schnell verdorben war.

Wer gern mehr Informationen zu dem Schiff John Schmeltzer haben möchte: hier ist ein Link, allerdings nur in portugiesisch.

 

Sr. Zezinho erzählt uns, dass er neun Jahre alt war, aber er erinnert sich noch gut an diese Zeit. Damals wurden die Menschen in Gemeinschaftsgräbern begraben, weil einfach zu viele starben. Dann erzählt er uns eine Geschichte, die zwar schockiert, uns aber trotzdem etwas lachen lässt: wahrscheinlich wurden viele Menschen versehentlich lebendig begraben. Wenn jemand kurz vor dem Tod stand oder vielleicht ohnmächtig war, wurden sie untersucht von einer als „Arzt“ berechtigten Person. Dieser untersuchte nur die Augen und entschied dann, ob tot oder lebendig.

Die für tot erklärten Menschen wurden sofort mit vielen anderen in so ein Gemeinschaftsgrab gebracht. Manchmal passierte es aber, dass dieser Herr „Doktor“ jemanden der ohnmächtig war für tot erklärte. Nachdem man ihn dann ins Grab geworfen hatte, wachte er aber auf und rief: „Bitte begrabt mich nicht lebendig“. Eine Geschichte die uns dann alle schmunzeln ließ.

 

In dieser Zeit verlor er in seinem jungen Alter auch seine geliebte Mutter. Er versuchte nach ihrem Tod Kontakt mit seinem Vater aufzunehmen, er wollte sich aber nicht um ihn kümmern. Er verbrachte eine Nacht bei seinem Onkel in den Bergen und kehrte am nächsten Tag in das Dorf seiner Mutter zurück. Realistisch gesehen war er nun zur Waise geworden, so dass nur seine ältere Schwester sich um ihn kümmerte.

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Ein paar Wochen später kam er irgendwie auf die Nachbarinsel Sao Vicente. Hier traf er einen Seemann aus Boa Vista, der sein Leben lang mit Fracht und Passagieren um die Inseln segelte. Er erinnert sich, dass die Reise damals wirklich ein verrücktes Abenteuer war. Sie dauerte 3 Tage (was auf Grund des Windes sehr kurz war, manchmal dauerte diese Tour bis zu einer Woche). Somit kam er mit fast 10 Jahren nach Boa Vista.

 

Sr. Zezinho ist nie zur Schule gegangen, alles was er lernte, speziell auch das Musizieren, lernte er durch hören und tun ganz allein.

Für ihn war das Aufwachsen hier auf Boa Vista schwer. Er hatte früh seine Mutter verloren und musste mit seinen 10 Jahren bereits in der Familie, in der er nun aufwuchs, alle anfallenden Arbeiten erledigen, während die eigenen Kinder der Familie zur Schule gingen oder studierten.

Aber er sagt auch wie gut das Leben hier war, weil sie hatten Lebensmittel im Überfluss, denn alles was sie brauchten wurde von ihnen selbst produziert. Das Haupthaus der Familie befand sich in Rabil, wo die Frauen und Kinder wohnten und in Fonte Vicente befand sich der Bauernhof, auf dem sie viele Tiere hatten. Ziegen, Kühe, Schafe und Hühner mussten täglich versorgt werden, diese Tiere versorgten aber auch die Familie. In dieser Zeit wurden Lebensmittel nicht ge- oder verkauft, sondern getauscht. Aus dem Landesinneren kamen Fleisch, Käse, Butter, Milch und Gemüse und wurden gegen Fisch, Salz und andere Dinge getauscht. Damals regnete es sehr viel und die Insel war dadurch sehr „reich“, die Menschen arbeiteten das ganze Jahr auf ihren Farmen. Das einzige was die Insel importieren musste waren Zucker und Petrolium.

 

Einziges Transportmittel damals waren die Esel auf der Insel. Menschen, Waren, aber auch Nahrung für Tiere, die nicht frei umherlaufen sollten da sie sonst die Plantagen zerstören würden. Oder auch wegen der Trennung der männlichen und weiblichen Tiere, weil man die Fortpflanzung der Tiere beeinflussen musste / wollte.

 

Wasser war das ganze Jahr über sehr reichlich vorhanden, denn damals regnete es sehr viel auf Boa Vista. Der Fluß Rabil war mindestens 10 Monate im Jahr mit Wasser gefüllt.

 

Als Sr. Zezinho 16 Jahre alt war, begann er offiziell zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Sein erstes Gehalt betrug 6 Escudos (ca. 6 Cent) pro Arbeitstag. Der Durchschnittslohn lag zwischen 6 und 10 Escudos pro Tag. Als ungebildeter Mann arbeitete er in vielen Gelegenheitsjobs, er wurde ein wirklich harter Arbeiter, der lange vor Sonnenaufgang aufstand und bis zum Sonnenuntergang arbeitete. Er lebte gut und glücklich, aber mit sehr wenig Geld. Eine Zeit lang zog es ihn nach Sao Vicente, wo er den Beruf des Maurers erlernte. Er sagt, für einen ungebildeten Menschen ist es wichtig alle möglichen Handwerke zu „beherrschen“, denn man weiß ja nie, wofür man das Wissen mal benötigt. So hatte er also in der Landwirtschaft und als Schäfer gearbeitet, aber auch Holzkohle und Kalk zu produzieren hatte er gelernt.

In den 60er Jahren arbeitete er an der damals unbefestigten Landebahn am Flughafen Rabil. Flugzeuge kamen sehr sporadisch und jedes hinterließ immer eine große, lang anhaltende Staubwolke. Für den Bau des Landestreifens wurden die Grundbesitzer des Landes enteignet. Auch 50 Jahre später sind viele nicht für ihr Land bezahlt worden – viele davon sind heute nicht mehr am Leben. Er erinnert sich an einen Bauern, der genau auf diesem Stück Land seine Kartoffeln gepflanzt hatte. Bevor er die Ernte einholen konnte wurde er enteignet und er saß auf dem Land und weinte, denn die verlorene Ernte sollte seine Familie ernähren.

 

Während wir uns in seinem Haus unterhielten kam ein Freund und Nachbar zu Besuch und auch er begann zu erzählen:

Er hatte in der Thunfischfabrik auf Boa Vista gearbeitet. Nach fast einem Jahr ohne Lohn beschloss er jedoch Taucher zu werden und Langusten zu fangen. Die Bosse der Thunfischfabrik behaupteten, kein Geld von den Eigentümern aus Portugal zu erhalten, weshalb sie keine Löhne zahlen konnten. In Wahrheit aber verschwendeten sie die Gelder für Glückspiele. Die Familien der Arbeiter aus der Thunfischfabrik hatten es daher sehr schwer. Aber jeder kannte jeden und man half sich gegenseitig. Er erinnert sich, dass jeder Arbeiter kurz vor Weihnachten 10 Dosen Thunfisch erhielt (als Ersatz für den nicht gezahlten Lohn), die sie dann verkaufen konnten und so etwas Geld für das Weihnachtsfest hatten.

Mit dem Tauchen nach Langusten Geld zu verdienen war ein harter Job, es wurde schließlich nicht mit Sauerstoffflasche getaucht. Aber es hat sich gelohnt. In 6 Arbeitstagen fingen sie ca. 12 Tonnen Langusten. Diese wurden dann am Wochenende zur Insel Sal gebracht, dort verpackt und per Flugzeug nach Portugal gebracht.

 

Während Sr. Zezinho’s Besucher diese Geschichte erzählte, kam seine Tochter mit ihrem Mann vorbei um nach ihm zu sehen. Sie war sehr glücklich, dass er jemanden zum Reden hatte und seine Geschichten erzählen konnte. Aber nicht nur das was sie sagte, auch das Lächeln und die Freude in ihrem Gesicht und das einladende, warme Gefühl was sie ausstrahlte, hat uns überzeugt, dass sie es auch so meint.

 

Auf die Frage, wie viele Kinder er hat, sagt er: „nur eine Handvoll“ - wie jemand, der versucht, der Frage auszuweichen, also schätzen wir, ziemlich viele…. :-)

 

Er redet weiter über die Musik in seinem Leben, während er mit seiner Ukulele (Cavaquinho) einige Melodien spielt. Er sagt, dass die Insel Boavista einige gute und talentierte Musiker hatte und immer noch hat, aber es gab nie Unterstützung vom portugiesischen Regime vor der Unabhängigkeit und auch nicht danach.

 

Er erinnert sich an einen seiner größten Einflüsse: Herr Adão (Djidjung), ein Gitarrist und Komponist aus Rabil. Wie er sagt: ein echter Musiker, der unzählige Lieder komponiert hatte, von denen aber nur eines aufgenommen wurde. Manchmal wird es noch im Radio gespielt und dann spielt er das Lied für uns.

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Senhor Zezinho mit seiner Cavaquinho

Er hat nie für seinen Lebensunterhalt musiziert, sondern nur aus Liebe zur Musik. In letzter Zeit wurde er ein paar Mal eingeladen, im neuen Museum zu spielen, das letztes Jahr in Sal Rei eröffnet wurde. Er freute sich sehr über diese Einladung direkt vom Manager des Museums. Aber er sagt auch, dass seine Fähigkeiten nicht mehr die Gleichen seien. Bei einem 82-jährigen Mann werden die Finger manchmal steif, weil seine Nerven nicht die Gleichen sind. Aber ansonsten ist er immer noch gesund, er sieht nur etwas schlecht.

 

Sr. Zezinho sagt, das Beste, was er in seinem Leben gemacht hat war mit dem Trinken aufzuhören Er war nie ein starker Trinker, weil er immer das Verantwortungsgefühl für den nächsten Arbeitstag bewahrt hat, um für ihn und seine Familie zu sorgen. Aber dadurch, dass er mit dem Trinken aufhörte, konnte er genug sparen, um sein Haus von Grund auf neu zu bauen. Er hatte die Nase voll davon, so viel Miete zu bezahlen. Also beschloss er, seiner Familie ein eigenes Dach zu geben.

 

Während unseres dreistündigen Gesprächs spielt er eine Komposition alter lokaler Komponisten und erklärt die Geschichte hinter jedem einzelnen von ihnen. Vorhin sagte er, dass er nicht singen kann, aber einige Zeilen hat er dann doch gesungen, um das Gefühl besser zu vermitteln.

 

Sein Rat für die jüngeren Generationen lautet, demütig und respektvoll zu sein. Allen Menschen gegenüber, unabhängig von der Farbe ihrer Augen oder ihrer Haut oder ihrem Glauben, denn wir sind alle gleich und unser Blut hat die gleiche Farbe. Er rät auch allen auf die Dinge zu achten, die man mit Geld nicht kaufen kann und einander gleich zu behandeln. Die menschlichen Werte sind das, was wirklich zählt.

 

Wir würden am liebsten unser ganzes Gespräch aufschreiben, aber das wäre einfach zu lang. Aber als Bonus gibt es in unserem heutigen Blog ein kleines Video. Wir hoffen, der Artikel hat euch gefallen und genauso berührt wie uns.

Sr. Zezinho spielt für uns auf seiner Cavaquinho

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