Eine Reise geht zu Ende

Eine Reise geht zu Ende

Heute ist der letzte Tag meiner Reise zu meiner Familie auf Santo Antao.

 

Es ist 7.18 Uhr als meine Mutter mich ruft und fragt, ob ich schon wach bin. Tatsächlich liege ich schon lange wach, habe nicht besonders gut geschlafen. Um den Rest meiner Sachen zu packen brauche ich nur 10 Minuten, denn den größten Teil habe ich gestern bereits verstaut.

 

Meine Mutter besteht darauf, dass  ich den 7.30 Uhr Bus nehme, da es schwierig sein kann, später noch einen Bus zum Hafen zu finden. Also nehme ich den wahrscheinlich letzten Bus und bin auf dem Weg zum ca. 45 Minuten entfernten Hafen. Die Fahrt verlief so weit ganz gut, obwohl der Fahrer ein ganz schönes Tempo drauf hatte, damit wir nicht zu spät am Hafen sind.

Am Hafen von Santo Antao

Bei meiner Ankunft am Hafen herrschte bereits ein munteres Treiben, denn die Fähre von Sao Vicente legte in diesem Moment an.

 

Ich treffe auf jemanden aus meiner entfernten Familie, der mir erst vor ein paar Tagen vorgestellt wurde - ich kann mich nicht mehr an seinen Namen erinnern, ist aber auch nicht so wichtig. Er sitzt neben dem Eingang zum Hafengebäude an einem Betontisch mit einer Plastikschüssel in der Hand. Darin ist sein Frühstück: Catchupa mit Fisch und dazu trinkt er einen Kaffee. Er arbeitet als einer der Fahrer, die ihre Pickups beladen mit Bananen, Grog, Obst und Gemüse um es nach Sao Vicente zu bringen und umgekehrt dann andere Waren von Sao Vicente nach Santo Anato bringen. Für ihn und die anderen Fahrer ist das die tägliche Routine.

 

Auf der anderen Straßenseite sehe ich die Frauen stehen mit Plastikboxen. Sie verkaufen dass, was mein Verwandter gerade in der Hand hat: Catchupa mit Fisch und Kaffee. Es ist das einzige Frühstück, das hier verkauft wird und so essen alle Fahrer das Gleiche.

 

Natürlich sind auch ein paar Frauen da mit Plastiktüten in der Hand - darin der frische Ziegenkäse. Ich werde wieder angesprochen, doch etwas zu kaufen und so kaufe ich einen Käse und nehme ihn für meinen Bruder als Geschenk mit.

 

Gern hätte ich jetzt einen richtigen, schwarzen Kaffee und ich  frage bei den Frauen nach. Aber leider haben sie alle nur den bereits mit Milch gemischten Kaffee im Angebot. Also verabschiede ich mich von meinem Verwandten und gehe ins Hafengebäude.

 

Ich muss hier meine Papiere vorlegen. Zum Glück war ich am Vortag noch beim Gesundheitsamt und habe das erforderliche Dokument. Anderenfalls hätte ich hier noch eine Menge Papierkram erledigen müssen.  So kann ich direkt durchgehen in den Hafen und auf die Fähre. Ich suche mir ein ruhiges Plätzchen, denn die 1-stündige Überfahrt möchte ich zum Schreiben nutzen.

Ein Rückblick

In den letzten 10 Tagen habe ich größtenteils positive Erfahrungen gemacht - nicht dazu gehörte allerdings der 24-stündige Komplettausfall des Telefon- und Internetdienstes auf den gesamten Kapverden.

Viele Menschen waren frustriert, da sie nicht mal in der Lage waren, ein Telefonat zu führen. Das einzig Positive war wohl, dass es ein Wochenende getroffen hat.

 

Die ersten zwei Tage meines Aufenthaltes hat es geregnet, ich konnte also nicht viel raus gehen.

Für die Einheimischen war es natürlich eine riesige Freude. Es hat die letzten vier Jahre im Prinzip nicht geregnet und ein Regen bereits im Juli wird als positives Zeichen gesehen. Er ist ein Segen, denn er stellt einen frühen Beginn der Smentera oder Azagua (Regenzeit - Mais -und Bohnenpflanzsaison) dar. Es ist der Zeitpunkt an dem die Menschen anfangen, sich um ihre landwirtschaftlichen Nutzflächen zu kümmern (diejenigen, die keinen ständigen Zugang zu Wasser haben und auf den Regen angewiesen sind).

 

Regen schon im Juli bedeutet Hoffnung auf eine gute landwirtschaftliche Saison, natürlich mit der Hoffnung verbunden, dass es mehr Regen gibt.

 

Am Sonntag morgen entschied ich mich, meinem Onkel und seinen Kindern Frühstück zu bringen. Sie waren bereits um 5.30 Uhr aufgebrochen und haben um 6 Uhr mit ihrer Arbeit begonnen: die Vorbereitung des Bodens für die Aussaat von Mais und Bohnen. Ich kam gegen 10 Uhr bei ihnen an - zur Standardfrühstückszeit und so setzten sie sich direkt zum Frühstück. Mit ihrer Arbeit waren sie bereits fertig.

Sein Land ist etwas höher gelegen. Es gibt dort nicht viel Vegetation, nur viele Mangobäume und Felsen, die zum Teil so groß wie Häuser sind.

 

Die überreifen Mangos fallen hier allein von den Bäumen. Die hier lebenden Spatzen haben das Glück, die süßesten Mangos essen zu können. Ich möchte die Spatzen filmen, also platziere ich meine Kamera entsprechend. Es dauert nicht lange und die Kamera hat die ersten Bilder mit den Spatzen eingefangen.


Nach dem Frühstück ernten wir noch die reifen Mangos von den Bäumen - Wahnsinn, wie viele es waren. Natürlich musste ich direkt ein paar der frisch gepflückten Früchte essen.

Mein Onkel und seine Kinder entschieden sich nun noch auf eine andere Farm zu gehen, um die Arbeit fortzusetzen, da es noch zu früh war, um schon nach Hause zu gehen. Und so trennten sich dann erstmal unsere Wege.

Die nächste Stadt

Während meines Aufenthaltes machte ich mich oft auf den Weg in die 4,5 km entfernte Stadt. Manchmal legte ich den Weg in pechschwarzer Dunkelheit zurück. Ich ging vorwiegend in die Stadt auf der Suche nach einer besseren Internetverbindung.

 

Auf einem meiner Spaziergänge durch die Stadt fand ich wundershöne Gemälde auf Häusern, Treppen und Gebäuden. Die Gemälde stehen für die hart arbeitenden Frauen aus diesem Viertel, für die Frauen von Santo Antao allgemein, aber es gibt auch eines von einer wichtigen Persönlichkeit dieser Stadt.

Ich komme auch an meiner ehemlaigen Grundschule vorbei. Sie sieht immer noch genauso aus wie führer, nur die Bäume sind größer und dicker geworden. Sie sehen aus, als könnten sie mal die Hände eines Gärtners gebrauchen. Die Schule ist natürlich genauso wie alle anderen Schulen auf den Kapverden aufgrund des Corona-Virus geschlossen.

 

Ich treffe auch auf einen alten Freund, den Fischer Antonio , genannt "Nho Nton" oder "Tcherba". Er ist auf dem Dach seines Hauses und bereitet gerade seine Fischerausrüstung für den nächsten Tag vor. Er erzählt mir ein wenig über seine Geschichte als Fischer, seitdem er 16 Jahre alt ist. Darüber erfahrt ihr mehr in einem anderen Artikel.

Auch ein negatives Resümee

Eigentlich würde ich gern noch etwas länger auf Santo Anato bleiben, aber einige Dinge hier sind doch nicht so, wie ich es sie inzwischen gewohnt bin.

 

Etwas was ich wirklich für meinen Alltag brauche ist das Internet. Im Dorf meiner Mutter und vor allem bei ihr im Haus gibt es leider keine zuverlässige Internetverbindung, manchmal nicht einmal ausreichend Telefonnetz, um einen Anruf zu tätigen.

 

Eine andere Sache ist die Tatsache, dass sich hier einfach nichts verändert hat.

Ja, es gibt ein paar neue Gebäude und ein paar neue Gesichter - einige habe ich auch einfach nicht erkannt, weil sie eben älter geworden sind - aber die Routine ist im Prinzip immer die Gleiche: Menschen die am Straßenrand rumsitzen und vorbei fahrenden Autos oder den vorbei laufenden Menschen  hinterher schauen.

Oder sie hängen in diesen kleinen improvisierten Bars, den sogenannten Botecos, rum. Dort werden hauptsächlich Grog, Pontche, Zigaretten und sogenannte Bafas verkauft. Bafas sind kleine Snacks wie frittierter Fisch oder andere Meeresfrüchte. Auch das Kartenspiel ist hier sehr beliebt.

Meine Tante hat auch eine dieser Botecos.

 

Eines Tages kam ich an der Bar "Rosa" vorbei - benannt nach dem Namen der Eigentümerin. Es saßen bereits einige Jugendliche dort, um ihre tägliche Dosis Alkohol zu bestellen. Ich begann mich mit der Besitzerin zu unterhalten. Sie erzählte mir, dass die Leute oft in ihrem Wohnzimmer schliefen, weil sie zu betrunken sind, um noch nach Hause zu gehen. Es sind sicher eine Menge Leute, die dort schon übernachtet haben, denn hier ist jeden Tag jemand betrunken. Sie kommen meist aus weiter entfernten Ortschaften. Sie erzählt mir von einem älteren Mann, der ohnmächtig wurde und den sie dann in ein Kinderbett verfrachteten. Jedes Mal wenn er anfing zu schnarchen, viel er vom Bett. Er kletterte zurück aufs Bett um kurz danach wieder runter zu fallen.

 

Manche Menschen im Dorf betrinken sich mehrmals am Tag, manchmal sind so so betrunken, dass sie nicht mal mehr sprechen können. Das Trinken scheint hier eine weit verbreitete Freizeitbeschäftigung zu sein.

 

Aus eigener Erfahrung und aus Gesprächen mit den Menschen kann ich bestätigen, dass Menschen die von einer anderen Insel kommen, die vom Virus betroffen ist, nicht so herzlich empfangen werden, wie man es normalerweise tun würde. Einige Leute versuchen diese Besucher zu meiden.

Man spürt eine gewisse Angst, weil sehr viel getratscht wird - ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Tratsch hier verteilt wird. Und Dieser ist nicht nett, oft sogar sehr gemein.

Ich habe mitbekommen, dass Menschen die von der Insel Sal kommen am meisten betroffen sind vom Klatsch und Tratsch und von den Bewohnern gemieden werden. Man könnte es für kurzsichtig halten, aber vielleicht haben sie auch einfach Angst vor dieser unsichtbaren Bedrohung. Unter Familienmitgliedern, ist die Ablehung nicht so stark, aber auch ich habe die große Herzlichkeit bei einigen Verwandten vermisst.

Das Haus meiner Mutter

Auch das Haus meiner Mutter hat sich nicht wirklich verändert.

Ich hatte euch bereits berichtet, womit meine Mutter ihr Geld verdient. Aber sie hat noch eine andere Leidenschaft: Katzen.

So lange ich mich erinnern kann, gab es bei uns im Haus Katzen. Ihre letzte Anschaffung ist ein weibliches Tier mit weißem Fell und blauen Augen. Sie nennt sie "Pirulito" (übersetzt Lollipop).

Die Katze wurde von Nachbarskindern ziemlich verwahrlost gefunden und da jeder weiß, wie sehr meine Mutter Katzen liebt, brachten sie sie zu ihr. Pirulito hatte in der Zwischenzeit schon zwei Junge, eines davon hat sie weg gegeben, das Andere hat sie behalten.

 

Kapverden, Santo Antao, Boa Vista
Pirulito

Meine Mutter behandelt jedes Tier genauso, wie sie einen Menschen behandeln würde: mit Freundlichkeit und Fürsorge. Sie füttert auch die Hunde ihres Nachbarn, allerdings nicht direkt vor ihrem Haus, sondern sie bringt das Futter zu ihnen rüber. Trotzdem kommen sie jeden Tag und legen sich vor ihre Tür. Allerdings ist ihr das nicht sehr recht, denn diese Hunde sind voll mit Parasiten und die möchte sie nicht in ihrem Haus haben. Der Besitzer kümmert sich überhaupt nicht um seine Hunde. Meine Mutter sagt, sie versteht nicht, warum man sich Hunde anschafft und sie dann nicht als Familie behandelt oder sich zumindest gut um sie kümmert. Sie findet das unentschuldbar.

Sao Vicente

Bereits eine Woche nach Beginn meiner Reise, begann ich mich um ein Ticket für meine Rückreise zu kümmern. Im örtlichen Reisebüro , wo ich das Ticket kaufen wollte, hatte man allerdings keine Ahnung, wann das nächste Schiff nach Boa Vista fährt. Ich begann mir ein weinig Sorgen zu machen, also rief ich meinen Bruder in Sao Vicente an, der früher für diese Firma gearbeitet hat. Leider konnte auch er nichts in Erfahrung bringen. Er gab mir die Telefonnummer der Agentur und die nächsten drei Tage  belagerte ich sie täglich mit Anrufen. Endlich erhielt ich eine positive Antwort: die Fähre sollte am Mittwoch 22. Juli nach Boa Vista abfahren. Ich kaufte ein Ticket für die Fähre Sao Vicente - Boa Vista und natürlich auch für die Fähre Santo Antao - Sao Vicente. Santo Antao wollte ich bereits am Dienstag verlassen, um noch  Zeit zu haben meine Stiefschwester auf Sao Vicente zu besuchen. Ich hatte sie seit 9 Jahren nicht mehr gesehen.

Bevor ich die Fahrkarten erhielt, musste ich noch zum Gesundheitsamt, um die erforderlichen Unterlagen für die Rückreise zu erhalten. Ich benötigte eine Gesundheitserklärung, die ich soagr kostenlos erhielt.

 

Zurück auf Sao Vicente verbrachte ich zunächst den Rest des Tages damit, den Laptop meines Bruders zu reparieren. In einem nahe gelegenen Computerfachhandel kaufte ich eine neue Festplatte, die alte war kaputt. Die Batterie lädt gar nicht mehr (das Laptop ist 8 Jahre alt), aber nach dem Wechsel der Festplatte und der Installation eines neuen Betriebssystems, funktionierte das Laptop wie von Zauberhand wieder. Ich kümmerte mich auch noch um das Handy meiner Nichte. Es hatte ein Problem mit der Android-Software, was ich aber auch lösen konnte. 

 

Am späten Nachmittag machte ich mich dann auf den Weg zu meiner Stiefschwester, ihren beiden Söhnen und ihrer Enkeltochter. Sie waren alle sehr glücklich mich zu sehen, ich fühlte mich fast wie eine kleine Berühmheit.

 

Bei Anbruch der Dunkelheit machte ich mich dann wieder auf den Weg. Ich wollte noch einen alten Freund besuchen. Früher war er Soldat, irgendwie ist er dann aber im Gefängnis gelandet. Seit 2013 hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Seit dem hatten wir kaum Kontakt, dennoch war seine Freude mich zu sehen riesengroß. Ich verbrachte den Abend bis ca. 22 Uhr mit ihm, seiner Frau und seinem kleinen Sohn.

Epilog

Im Allgemeinen bin ich sehr glücklich über meine Reise. Einerseits bin ich traurig, meine Familie wieder zu verlassen. Andererseit bin ich aber auch glücklich, wieder nach Boa Vista zu kommen. Boa Vista ist meine Heimat seit 8 Jahren. Meine Mutter sagt, wenn es zu schwer für mich wird, das Leben auf Boa Vista während dieser katastrophalen Situation zu bewältigen, kann ich jederzeit zu ihr kommen. Ich denke aber, dass ich nicht mehr so richtig dort hin passe. Ich werde meine Chancen wahrnehmen, die sich auf Boa Vista für mich ergeben. Ich weiß, dass viele Menschen dort sind, die unbedingt wollen, dass ich dort bleibe.

Aber eines Tages werde ich natürlich wieder nach Santo Antao reisen.

 

 

Story: Misael

Text: Andrea

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Kommentare: 2
  • #1

    Astrid Buschmann-Göbels (Sonntag, 26 Juli 2020 16:46)

    Sehr authentisch erzählte Geschichte. Sie hat mich mit auf eine persönliche Reise genommen. Ich habe wieder ein Stückchen mehr über die Kapverden erfahren. Danke euch dafür!
    LG

  • #2

    Caro (Montag, 27 Juli 2020 11:35)

    Vielen Dank für diese privaten Einblicke. So lernt man Stück für Stück die kapverden kennen. Danke

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